Man steht mitten im Leben, hat keinen erkennbaren besonderen Grund zur Betrübnis und trotzdem ist sie plötzlich da: Diese Freudlosigkeit, diese Niedergeschlagenheit, diese innere Leere, der traurige Wunsch nur mehr seine Ruhe haben zu wollen, sich in den Schlaf zu flüchten. Depressionen sind keine Modeerscheinung: Schon der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853-1890) hat daran gelitten und sich schlussendlich das Leben genommen. Ebenso der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway (1899-1961) war Zeit seines Lebens manisch-depressiv und erschoss sich eines Tages in einer heftigen Phase der Verzweiflung. Heute kann mit wirksamen Mitteln dauerhafte Linderung erzielt und ein derartig fatales Ende vermieden werden.
Biologische und psychologische Ursachen Der Begriff „Depression“ stammt vom lateinischen „depressio“ und bedeutet „niederdrücken“. Jeder Dritte hat Forschungen zufolge einmal im Leben zumindest eine leichte Depression und sie kann in jedem Lebensalter auftreten. Dass diese Erkrankung bei Frauen deutlich häufiger beobachtet wird als bei Männern, liegt womöglich daran, dass Männer viel seltener professionelle Hilfe aufsuchen. Wenn ältere Menschen daran leiden, sind oft äußere Umstände der Auslöser, wie etwa negative Lebensereignisse, körperliche Angeschlagenheit in Form von Behinderungen oder Erkrankungen, chronische Schmerzen und Vereinsamung. Bei jüngeren Menschen liegt oft eine genetische Vorbelastung vor und/oder eine Labilität in der Persönlichkeit. Ebenso führt der Lichtmangel im Herbst und Winter häufig zu dieser traurig machenden inneren Finsternis. Diese Art der Depression wird SAD genannt: Saisonal Abhängige Depression. Sie kommt überaus häufig in den nördlichen Ländern wie etwa in Alaska oder Grönland vor, aber auch bei Nachtarbeitern und Menschen, die durch das ständige Arbeiten und Wohnen bei künstlichem Licht ihre innere Uhr ins Ungleichgewicht gebracht haben. Ebenso können traumatische Kriegserlebnisse oder andere furchtbare Begebenheiten Depressionen auslösen.
Über die biologischen Ursachen sind sich die Wissenschaftler nach wie vor nicht einig. Depressionen an sich seien zwar nicht zwingend vererblich, jedoch sehr wohl die Veranlagung dazu. So hat zum Beispiel bereits Hemingways Vater den Freitod gewählt und ebenso die Enkelin des Schriftstellers hat sich das Leben genommen. Doch auch wenn man den Hang zu dieser Erkrankung geerbt hat, heißt das nicht, dass sie zum Ausbruch kommt. Das entscheiden Lebensumstände und Ereignisse, die den Menschen aus dem Gleichgewicht bringen können. Ebenso lösen Beobachtungen zufolge sehr oft körperliche Erkrankungen dieses extreme Stimmungstief aus: Tumore, Hirninfarkte, chronische Schmerzen, HIV, Schilddrüsenunterfunktion und Alkohol- und Kokainsucht. Negative, zuweilen erschütternde, desgleichen positive Erlebnisse können eine Depression verursachen. So ist der Verlust des Lebenspartners durch Trennung oder Tod, der Verlust des Arbeitsplatzes, finanzielle Schwierigkeiten aber auch eine Heirat, die Geburt eines Kindes, Erfolg im Beruf oder sogar ein Lottogewinn ein möglicher Anstoß für einen tiefen Fall in die psychische Störung. Nicht zu vergessen natürlich belastende Umwelterfahrungen, wie chronische Überforderung und Stress am Arbeitsplatz und Zuhause oder ständig schwelende Beziehungskonflikte. Ferner konnte die auffällige Häufigkeit von Depressionen an Patienten mit bestimmten Viren nachgewiesen werden. Diese These konnte aber Berichten zufolge nicht glaubhaft untermauert werden.
Einig sind sich die Wissenschaftler jedoch, dass der Mangel an Botenstoffen wie Serotonin und Noradrenalin eine Störung des Gehirnstoffwechsels verursacht. Dieses biochemische Ungleichgewicht des Nervensystems verursacht die veränderte Hirnaktivität, die zur Depression führt.
Verschiedene Depressionsgattungen
Depressive Episoden können sich verschieden schwer gestalten und unterschiedlich lange dauern. Im Durchschnitt leidet der Betroffene etwa vier Monate darunter, danach ist er wieder völlig beschwerdefrei. Es ist möglich, dass sich eine depressive Episode auch nur einmal im Leben eines Menschen zeigt. Die erste Episode tritt zumeist Mitte zwanzig und vorwiegend nach einer schweren Belastung auf. In manchen Fällen treten diese Episoden nur in den Herbst- und Wintermonaten auf (SAD). Diese Art der Depression wird sehr oft mit Heißhunger, erhöhtem Schlafbedürfnis und Gewichtszunahme begleitet.
Manisch-depressiv Erkrankte wiederum leiden an einem Wechsel zwischen depressiven und manischen Phasen, einer bipolaren affektiven Störung. Während sie in depressiven Phasen niedergeschlagen und freudlos sind, zeigen sie sich in manischen Phasen überaktiv, überschätzen sich selbst, sind in einer anhaltenden gehobenen oder auch gereizten Stimmung, tätigen fallweise sinnlose und teure Geschäftsabschlüsse, legen eine unverschämte Taktlosigkeit an den Tag, haben ein gemindertes Schlafbedürfnis und einen Rede- und Bewegungsdrang. Sie leiden unter einer immensen Beeinträchtigung des Urteilsvermögens und haben heftige Gefühlsausbrüche. Sie tendieren zu Aggressivität und rücksichtslosem Fahren. Nach Abklingen der Manie fallen sie in ein tiefes Loch. Schuldgefühle und Selbstvorwürfe sind die Folge.
Eine leichtere, aber lange währende Depressionsform ist die Dysthymie. Hievon sind Persönlichkeiten betroffen, die bereits in der Jugend an Depressionen leiden, dies aber nicht bewusst bemerken, da sie sich nicht entsinnen können, sich jemals anders oder besser gefühlt zu haben. Vor allem Personen mit einem mangelnden Selbstwertgefühl, ängstlicher oder pflichtbewusster Persönlichkeit, negativem Denken und chronischen Angst- und Zwangszuständen neigen zu Depressionen.
Psychische und körperliche SymptomeEin Hauptsymptom der Depression ist die gedrückte Stimmung und Freudlosigkeit. Weiters zeigt sich allmählich mangelndes Interesse an bisher geliebten Personen und Objekten. Antriebslosigkeit macht sich breit, Hobbys werden vernachlässigt, alles scheint sinnlos. Die Hoffnungslosigkeit, die sich einstellt, kann sich zu tiefer Verzweiflung wandeln. Der Betroffene glaubt, aus diesem Zustand der Gefühlsleere und Finsternis nie mehr heraus zu kommen und dass ihm kein Mensch der Welt helfen kann und nichts auf der Welt mehr Freude machen kann. Er ist ziellos. Vor allem morgens ist die Stimmung zumeist am schlimmsten. Viele Betroffene schaffen es nicht, das Bett zu verlassen. Ihnen fehlt der Antrieb und gleichzeitig peinigt sie die Angst über diesen Zustand. Sie melden sich krank. Die damit fehlenden sozialen Kontakte wiederum bringen sie emotional noch mehr ins Tief.
Hinzu kommen erfahrungsgemäß körperliche Symptome, die auf ärztliche Behandlungen nur schleppend oder gar nicht ansprechen. Dauerhafte Schmerzen und laufende Verdauungsbeschwerden verstärken wiederum die Intensität der Niedergeschlagenheit. Die Patienten leiden häufig unter Schlafstörungen mit morgendlichem Früherwachen und haben ein gesteigertes Schlafbedürfnis. Ebenso Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust wird vielfach beobachtet. Da Betroffene sich in wachem Zustand ständig gepeinigt fühlen, flüchten sie sich nicht selten in Dämmerzustände mittels Alkohol oder sonstigen Suchtmitteln.
Gute TherapiemöglichkeitenBei fehlender Behandlung tendieren wiederkehrende Depressionen dazu, immer stärker zu werden. Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837-1898) kurierte ihre Depressionen beispielsweise mit Reisen, Sport und Diäten. Sie hat damit teilweise richtig angesetzt, denn Bewegung - vor allem A u s d a u e r t r a i n i n g - kann stimmungsaufhellend wirken. Ebenso kann ein soziales Netzwerk von Freunden und Familie einen wichtigen Halt geben. Belastende Alltagssituationen werden durch einen kraftgebenden familiären Hintergrund und Freundeskreis leichter bewältigt.
Bei länger anhaltender Depression ist professionelle Hilfe ein Muss. Eine P s y c h o t h e r a p i e kann ständig negative Gedanken, die allmählich zur Depression geführt haben, sichtbar machen, sie analysieren und durch positive neue Gedanken ersetzen. Ein Selbstsicherheitstraining hilft zusätzlich, Vertrauen und Sicherheit in sich selbst aufzubauen. Auch werden unglückliche und problematische Beziehungen in Gesprächen mit dem Psychotherapeuten aufgearbeitet, genauso wie Verlusterlebnisse und Konflikte. Oft steht am Anfang eine Durchleuchtung der Lebensgeschichte des Betroffenen, die dem Therapeuten oftmals Aufschluss über die möglichen Ursachen der Erkrankung gibt und ihm somit Ansätze zur erfolgreichen Aufarbeitung aufzeigt.
Unterstützend werden A n t i d e p r e s s i v a verschrieben, die das Gehirn stimmungsaufhellend beeinflussen. Diese antidepressiven Medikamente wirken erst nach einigen Tagen und es ist zumeist eine längere Einnahme vonnöten, um keinen Rückfall zu erleiden. In Zusammenhang mit Depressionen wird auch oft das Johanniskraut als Heilmittel genannt, das Berichten zufolge jedoch nicht ganz unumstritten ist, da es zum einen eine höhere Dosis benötigt, um eine Wirkung zu erzielen und zum anderen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nebenwirkungen wie etwa erhöhte Lichtempfindlichkeit hervorruft.
Für Manisch-Depressive kommt in ihren manischen Phasen allerdings die Behandlung mit Antidepressiva nicht in Frage, sie bekommen andere Medikamente zur Linderung der Symptome verschrieben.
Eine weitere Möglichkeit ist die L i c h t t h e r a p i e. Vor allem bei SAD – der Saisonal Abhängigen Depression, die auf Lichtmangel zurück zu führen ist – wird die Lichttherapie sehr erfolgreich eingesetzt. Hiefür werden spezielle Lampen mit großer Lichtstärke für tägliche Bestrahlungen von dreißig bis vierzig Minuten verwendet. Diese Therapie sollte mindestens zwei Wochen lang angewendet werden. Besserung verspürt der Patient schon nach ein paar Tagen. Eine weitere Methode ist die W a c h t h e r a p i e. Hierbei handelt es sich um gezielten Schlafentzug, der stimmungsaufhellend wirkt. Der Patient bleibt in der zweiten Nachthälfte wach und darf sich erst am nachfolgenden Abend wieder schlafen legen. Diese Vorgehensweise wiederholt man zwei bis drei Mal. Eine Besserung tritt sofort ein, ist aber nicht von langer Dauer. Sie ist allerdings gut kombinierbar mit anderen Maßnahmen zur Stimmungsaufhellung.
Positive Lebenseinstellung als VorbeugungEiner Depression völlig vorzubeugen ist wohl aufgrund vieler äußerer Umstände und Ereignisse, die einen im Laufe des Lebens ereilen können, unmöglich. Soweit man es jedoch beeinflussen kann, sollte man sich eine positive Einstellung zum Leben bewahren oder finden. Zu tun, was einem Spaß und Freude macht und sich immer wieder erfreuliche Ziele stecken, ist bestimmt das Erfolgsrezept für ein ausgeglichenes Gemüt. Im Leben seine Talente und Fähigkeiten zu entdecken und damit zu arbeiten, ist zusätzlich eine sehr erfüllende Lebensart.
Denn wie schon der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883-1955) sagte: „Hartnäckige Übellaunigkeit ist ein allzu klares Symptom dafür, dass ein Mensch gegen seine Bestimmung lebt.“