Selbst harmoniebedachte Menschen kommen zuweilen in die Verlegenheit, ihren Standpunkt verteidigen zu müssen, welcher Umstand bei einem nicht gerade apathischen Gegenüber meist in einen Streit ausartet. Manchem wohnt die Gabe inne, die Argumente des Gegners derart zu verdrehen, dass sie ihm selbst wiederum zugute kommen. Anderen wiederum fällt erst eine Stunde später ein, was sie hätten kontern können. Die griechische Göttin Eris war die Göttin des Streites und der Zwietracht. „Eristik“ nennt sich daher die Kunst des Streitens und Debattierens. Der deutsche Philopsoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat beispielsweise in seinem Werk „Dialektische Eristik“ 38 Kunstgriffe aufgestellt, die anzeigen, wie man aus jedem Streit, ob man nun Recht hat oder nicht, siegreich hervorgeht. Doch wie streitet man richtig und geht mit einem befriedigenden Ergebnis für beide aus dem Streit hervor?
Ausweichen ist keine LösungEin 83-jähriger Inder hat vor ein paar Monaten für Schlagzeilen in der Weltpresse gesorgt, als bekannt wurde, dass er nach einem Streit mit seiner Frau seit einem halben Jahrhundert in einem Baum lebt. Das ist natürlich ebenso eine Möglichkeit, auf einen Streit zu reagieren und weitere unangenehme Auseinandersetzungen zu vermeiden, jedoch sollten vernünftige Menschen doch ein erwachseneres Verhalten an den Tag legen können. Das ist leider nicht immer der Fall: Oft geht es in Streitigkeiten nur um Kleinigkeiten und diese sind nicht der Rede – und schon gar nicht der verbalen Zerfleischung – wert.
Worin die Kunst liegt„Bildung zeigt sich bei Mann und Weib darin, wie sie sich streiten“, so der irische Literaturnobelpreisträger George Bernhard Shaw (1856-1950). Der Ablauf und Inhalt einer verbalen Auseinandersetzung zweier Menschen gibt tatsächlich sehr deutlich Aufschluss über das Niveau der Gesprächspartner. Das Ziel eines Streites sollte das konstruktive Diskutieren und mögliche Lösen von Meinungsverschiedenheiten sein. Dies gelingt vielen nicht, da sie einfach zu impulsiv und emotional an die Sache herangehen. Dabei ist es doch sehr wichtig, in einem Streit zu versuchen, auf einen grünen Zweig zu kommen, da schwelende Konflikte mit der Zeit die Atmosphäre und die Beziehung zueinander vergiften.
Keine Frage, Streitereien und Emotionen sind untrennbar. Doch trotzdem sollte man versuchen, die Sache, um die man sich streitet, im Auge zu behalten und sachlich zu bleiben. Am besten kann man dem anderen seinen Standpunkt verständlich machen, indem man ihm die eigene Situation mit einem Vergleich angelehnt an dessen eigenes Verständnis anzeigt. „Stell Dir vor, ich würde mit all Deinen Freunden hier tanzen und Du müsstest von der Bar aus zusehen. Würde Dir das nicht auch wehtun?“
Ein wichtiger Punkt, der aber den meisten Streithähnen bestimmt am schwersten fällt, ist das Zuhören. Durch das Zuhören nimmt man dem Streitpartner schon mal den Wind aus den Segeln und heizt ihn in seiner gereizten Stimmung nicht noch mehr auf. Zudem fühlt er sich bei gewissen zustimmenden Gesten ein wenig verstanden und man kann sich daraufhin konstruktiv nähern.
Um die Welt des anderen und dessen Argumente zu verstehen, sollte man versuchen, sich in ihn und dessen Umfeld hinein zu versetzen. Gewisse Sichtweisen werden oft durch den Perspektivenwechsel besser verstanden. Frei nach dem Motto: „Walk a mile in my shoes!“
Angriffe und Vorwürfe vermeidenBei der Wortwahl sollte man ebenso vorsichtig sein. Unbedachte Vorwürfe leiten heftige, unkonstruktive Streitgespräche ein, die zu keinem guten Ende führen. Gefühle und Fakten sollten ruhig, konkret und sachlich vorgebracht werden. Ein „Ich fühle mich nicht gut, wenn Du mit anderen Männern/Frauen auf der Tanzfläche bist“ zeigt dem Partner die Gefühle und kann außerdem gegenüber generellen Behauptungen wie „Das Tanzen mit den anderen macht Dir viel mehr Spaß als mit mir“ nicht entkräftet werden. Durch Aufzeigen der eigenen Befindlichkeit kann man dem anderen die eigene Sichtweise verständlich machen, ohne damit einen Angriff zu tätigen. Das regt das Gegenüber an, über sein Fehlverhalten nachzudenken. Bei direkten Angriffen wie „Du bist so egoistisch! Du lässt mich in Lokalen dauernd links liegen!“ erreicht man nur, dass der Angegriffene blockiert und stur bleibt oder gar zu einem massiven Gegenangriff übergeht.
Falsch eingebrachte Sätze und Formulierungen können den anderen provozieren, ihn regelrecht explodieren lassen. Somit ist es wichtig, bedachtsam zu reden. „Wenn zwei sich streiten, ist der, der dem Zornigen nicht widerspricht, der Weisere“, weissagte schon Euripides, ein vorchristlicher griechischer Tragödiendichter. Wer im richtigen Moment schweigt, kann oft erfolgreicher streiten, weil er nur dann argumentiert, wenn es sich lohnt. Das kann natürlich ebenso den Nachteil haben, dass der andere ob des Schweigens nur noch zorniger wird…
Wird man persönlich angegriffen, sollte man Fragen stellen, die den unfairen Angreifer aus dem Konzept bringen. Eine Anschuldigung, die man in ruhiger Weise wiederholt, zeigt dem anderen, dass man zugehört hat und erreicht damit eine Besänftigung des aufgebrachten Gegenübers. Eine sachliche Auseinandersetzung ist in der Folge möglich.
Auseinandersetzungen sollten zudem nur unter vier Augen stattfinden. Abgesehen davon, dass es für die Streitenden selbst unangenehm ist, ihre Meinungsverschiedenheiten in der Öffentlichkeit austragen zu müssen, versetzen sie auch die unfreiwilligen Zeugen in eine peinliche Situation. Auf keinen Fall sollten Streitigkeiten vor den Augen und Ohren der Kinder ausgetragen werden. Nichts verletzt eine Kinderseele mehr als die gegenseitigen bösen Angriffe ihrer Eltern miterleben zu müssen.
CharakterbildungStreiten wird heutzutage nicht mehr als Zeichen von Disharmonie und Unfrieden gewertet, sondern in der Gesellschaft immer mehr als notwendiges Mittel gesehen, um Grenzen aus zu stecken und auf Dauer miteinander auszukommen. Daher ist es umso wichtiger, vor allem mit Einfühlsamkeit und Verständnis auf den anderen zuzugehen und nicht mit aller Gewalt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Wie sagte schon der deutsche Historiker Leopold von Ranke (1795-1886): „Zwischen Gelingen und Misslingen, in Streit, Anstrengung und Sieg bildet sich der Charakter.“