„Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu…“, wird Ödön von Horváth gerne zitiert. Ob der Schriftsteller, der bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebte (1901-1938), wohl schon gleichfalls unter Stress stand, ist nicht überliefert. Tatsache ist, dass laut Weltgesundheitsorganisation „WHO“ mehr als 35 Millionen Europäer an stressbedingten Depressionen leiden. Das gesteigerte Lebenstempo, der zunehmende Leistungsdruck und die dadurch erzeugte andauernde Anspannung schwächt das Immunsystem und verursacht nicht nur psychische sondern zudem körperliche Schäden, die bis zum Herzinfarkt führen können.
Das Wort „Stress“ ist ursprünglich nicht wie in der heutigen Zeit gebraucht als Zustand zu verstehen, sondern als eine natürliche Reaktion des Körpers auf Veränderung, Druck oder Spannung. Auf die verschiedensten Belastungen wird mit Stress reagiert: Soziale Spannungen, seelischen Druck und ebenso körperliche Belastungen wie Hitze oder Kälte. Mit der Ausschüttung von Stresshormonen spornt er den Körper an, schnell zu reagieren und sich der veränderten Situation schnellstmöglich anzupassen. Die Unerlässlichkeit von Stress wird recht gut in der rauen Tierwelt veranschaulicht, in der es täglich um Leben und Tod geht. Bliebe die Antilope cool und bewegte sich nicht, wenn der gefährliche Gepard aus dem Gehölz springt, hätte sie wohl keine Sekunde länger zu leben.
Stress ist somit als Reaktion auf Veränderungen im Umfeld gut und unverzichtbar. Folgen der extremen Anspannung jedoch keine Phasen der Entspannung, wirkt Stress schädlich. Ärzte sprechen dann von „Hurry Sickness“: Krankheiten, die durch ständige Hektik entstehen.
Positiver und negativer StressPositiver Stress wird Eustress genannt, ein von Prof. Hans Selye (1907-1982) beschriebener Effekt, der darstellt, dass strapazierende Herausforderungen positiv erlebt und für den Körper unschädlich verarbeitet werden können, wenn man sich diesen Aufgaben gewachsen fühlt. Der in Wien geborene kanadische Wissenschaftler Selye gilt als der Begründer der Stressforschung.
Negativer Stress, der so genannte Disstress, tritt auf, wenn die nötige Zeit für Erholung und Entspannung fehlt. Doch nicht nur zuviel Arbeit und das Gefühl des Zeitmangels kann Stress auslösen, sondern auch Konflikte im Beruf und Probleme mit dem Partner, finanzielle Schwierigkeiten, Veränderung der Arbeitssituation, Überforderung, Mobbing, Reizüberflutung, bevorstehende Prüfungen, Operationen und vieles mehr.
Körperliche Reaktionen auf StressViele Gestresste sind morgens schon müde, tagsüber erschöpft und überfordert, sind unkonzentriert und teilweise ängstlich. Weitere Folgen sind u. a. Entscheidungsunfähigkeit, Schlaflosigkeit, Vergesslichkeit und erhöhter Konsum von Alkohol, Zigaretten und Medikamenten. Diese Gefühle der Hilflosigkeit lösen Aggressionen aus und nicht selten wird der Betroffene krank oder endet im „Burnout“, dem Gefühl der „inneren Leere“, des Ausgebranntseins. Dauerhafte Anstrengungen ohne Entlastungsphasen sind Mitverursacher von Diabetes, Herzinfarkt und sogar Krebs. Auch Kopfschmerzen, Schlafstörungen, zu hoher Blutdruck, Gefäßkrankheiten, Herzmuskelschäden, Magenverstimmungen, Depressionen, Durchfall und Verstopfung, häufige Erkältung und Schlaflosigkeit gehen auf das Konto von negativem Stress.
Biochemie und Epigenetik Grund für diese Erkrankungen ist die ständige Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, die dem Körperinneren zusetzen. So werden in etwa die Herzgefäße und die Nieren durch den erhöhten Adrenalinspiegel massiv angegriffen. Ebenso wird in Stress-Situationen ein bestimmtes Protein in den Zellen aktiv, welches u. a. Entzündungen verursacht. US-Studien belegen des Weiteren die Beschleunigung des Alterungsprozesses, welcher an der Beschaffenheit der Chromosomen, dem Erbgut des Menschen, erkennbar ist. Die Telomere, die die Enden der Chromosomen umhüllen und für die Lebensdauer der Zellen verantwortlich sind, werden – so vermuten die Forscher - durch den Stoff Cortisol beschädigt und verkürzt. Somit altert man bei ständigem Stress erheblich schneller.
Es wurde zudem von Wissenschaftlern herausgefunden, dass unsere Gene entgegen früherer Annahmen durch die Umwelt veränderbar sind und sich somit von Umweltfaktoren beeinflussen lassen können. Die BBC-Dokumentation „Das Gedächtnis der Gene“ im Jahre 2005 zeigte, wie epigenetische „Schalter“ dafür sorgen, dass ein bestimmtes Gen durch Umwelteinflüsse wie Ernährung oder Stress überhaupt erst aktiviert wird oder eben nicht. Außerdem veranschaulichte sie, wie sich diese Faktoren auf die Vererbung auswirken könnten. Eine ähnliche Theorie hatte schon der Biologe „Jean-Baptiste de Lamarck“ 1801 aufgestellt, wurde damals aber nicht ernst genommen. Nun wurden die Forschungen in diese Richtung wieder aufgenommen. Somit kann Stress beispielsweise ein Depressions-Gen aktivieren, das zuvor vor sich hingeschlummert hatte und ohne Einfluss der Stressfaktoren wahrscheinlich passiv geblieben wäre.
Maßnahmen zur Loslösung und EntspannungPsychische Beschwerden führen zu körperlichen Gebrechen und umgekehrt. Lindert man das eine, wird auch das andere besser. Das Wichtigste ist jedoch, An- und Entspannung im Wechsel zu halten und Verspannungen zu lösen oder gar zu verhindern.
Zahlreiche Entspannungsmethoden werden angeboten wie Autogenes Training, Atemtherapie,
Yoga, Tai Chi, die Tiefenmuskelentspannung nach Jakobson oder auch Relaxation Response, eine meditative Entspannungsreaktion nach Prof. Herbert Benson.
Zudem können schon eine tägliche halbe Stunde schnelles Gehen, langsames Joggen, Radfahren oder Schwimmen die Stresshormone abbauen. Es kommt dabei zur Ausschüttung der psychisch aufheiternden Endorphine, die einem die nötige Seelenruhe bringen. Überdies sollte man auf eine ausgewogene Ernährung achten und Alkohol, Nikotin und Medikamente weitestgehend vermeiden. Eine Tasse Tee zur Beruhigung wirkt manchmal auch Wunder: Empfohlen wird vor allem Baldrian, Passionsblume, Hopfen oder Lavendel.
Alles was man gerne tut, baut Stress ab: Lesen, sich mit Tieren beschäftigen, Handarbeiten, Singen, Tanzen, Musizieren oder einfach auch nur Faulenzen.
Sofern man keine engen Freunde hat, mit denen man über die Ärgernisse und Aufregungen des Tages sprechen kann, sind Tagebucheintragungen ein gutes Mittel, um sich diese Belastungen von der Seele zu schreiben. Ebenso positiv Erlebtes sollte in dem Buch Platz finden, sowie Ziele, Reisen, die man plant, zugleich einfache Dinge, über die man sich freut. Apropos Freuen: Lachen löst nervöse Spannungen und reaktiviert das Immunsystem.
Im Beruf sollte man alle zwei Stunden zehn bis fünfzehn Minuten Arbeitspause einlegen. Ein Tagesplan, an dem man die Aufgaben nach ihrer Wichtigkeit gereiht notiert, erweist sich bestimmt als hilfreich und man kann sich in der Hektik nicht so schnell verzetteln. Nach erfolgreich abgeschlossenem Projekt oder Abschluss eines Teils der Arbeit sollte man sich belohnen. Wichtig ist, dass man auch im Arbeitsleben lernt, „Nein“ zu sagen, wenn einem etwas über den Kopf zu wachsen droht.
Ist Stressvermeidung möglich?Man muss den Stress wohl oder übel als unvermeidlich akzeptieren. Ein berühmter Psychiater sagte einmal: „Ein stressfreies Leben zu führen ist ein unrealistisches Ziel. Das Ziel muss sein, den Stress aktiv und wirkungsvoll in den Griff zu bekommen.“ Eine positive und dynamische Einstellung zum Leben anstatt einer negativen und passiven ist wohl das erfolgreiche Grundrezept für den richtigen Umgang mit der schnelllebigen Zeit.
Eingangs erwähnter Schriftsteller erlag übrigens keineswegs einem Herzinfarkt. Ihn hat an der Pariser Champs-Elysées ein durch ein Gewitter hinab fallender Ast erschlagen…